Herrensohr
letzte Änderung: 16/2/2008

rot = Römerstraße (Grülingstraße) Saarbr. – Ottweiler - ... - Mainz

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www.saarlandbilder.netKarteOrtsverzeichnisRömerstraßen


10/2/2005

Historische Luftaufnahme von Herrensohr | Bild link www.oiv-herrensohr.de
Einiges aus der Ortsgeschichte von Herrensohr
Quelle: link www.oiv-herrensohr.de

Fragt man einen Ortsansässigen aus Dudweiler, wie man nach « Kaltnaggisch » kommt, so wird er ,ohne sich weiter etwas dabei zu denken, den Weg beschreiben. Dass es sich bei der Suche nach einem Ort dieses Namens um den Dudweiler Stadtteil Herrensohr handelt, dürfte jedoch den wenigsten Saarländern bekannt sein.

Herrensohr ist der kleinste Stadtteil innerhalb des Stadtbezirks Dudweiler mit rund 2400 Einwohner.

Er wurde 1856 als Bergmannskolonie gegründet. Die Ursache für die Gründung liegt in der sich nach 1850 rasanten Entwicklung der Kohlengruben infolge des Tiefabbaues und dem Bahnbau Saarbrücken - Bingerbrück in Jahre 1852. Es fehlte damals auf allen Gruben, so auch auf Grube Dudweiler, Jägersfreude und Camphausen an Arbeitskräften.

Die preußische Bergverwaltung sah sich deshalb veranlasst, Arbeiter anzuwerben. Das tat in den Jahren 1852 - 1855 für die Grube Dudweiler der damalige « Geschworene » Erdmenger. Besonders erfolgreich warb man in Hessen, Sachsen, Böhmen, Westerwald, Hunsrück, Birkenfeld, dem Harz, Mosel, Eifel, an der mittleren Saar, im Köllertal und in der Pfalz.

Den Arbeitern gab man das Versprechen auf gute Löhne, auf Wohnung, auf die Einführung von sozialen Einrichtungen und Wohlstand .In Dudweiler wurden sie dann in Massenquartieren und teilweise in Scheunen untergebracht. Um den schwierigen Unterkunftsverhältnissen Herr zu werden, beschloß die Bergbehörde, in Nähe von Dudweiler eine Kolonie zu erbauen. Auf gleiche Weise und auf gleiche Veranlassung entstanden zur selben Zeit die Kolonien Elversberg, Altenkessel, Pflugscheidt und Seitersgräben.

Der Knappschaftsverein Saarbrücken erwarb im Jahre 1859 durch Tausch von Forstfiskus das notwendige Gelände. Man erwarb 3 Walddistrikte, auf zwei Hügeln gelegen, Die Herresohr, Bärendick und Felsenborn hießen. Diese 3 Distrikte waren in Dudweiler unter dem Namen « Herresohr » im Grundbuch eingetragen. Tauschobjekt war der Besitz NEUHAUS . Der Knappschaftsverein ließ das ganze Waldgelände an den beiden Berghängen abholzen. Die Siedlung Herrensohr ist durch 6 parallel quer zum Hang verlaufende und terrassenförmig übereinander angeordnete Strassenzüge gekennzeichnet. Es sind dies: Remborn-, Johannes- ,Petrus-, Rosen-, Friedrich- und Jägerstrasse, die an ihren Enden durch die Römer - und Marktstrasse verbunden sind. Drei Waldbäche teilen die beiden Hügel. Der nördliche Römerfluß, der mittlere Bärengraben und der südliche Wolfsgraben.

Am Anfang gab es drei Brunnen. In der Römerstrasse , am Marktplatz und bei Zöller in der Talsohle. Das Wasser war schlecht und führte zu häufigen Typhuserkrankungen. Später wurde durch die Brunnenstrasse (woher diese den Namen hat) von der Grubenverwaltung eine Rohrleitung verlegt. Erst viele Jahre nach Gründung der Kolonie wurde 1897 durch das eigene Wasserwerk von Dudweiler in der Saarbrückerstrasse eine moderne und gesundheitlich einwandfreie Wasserversorgung Herrensohrs gewährleistet.

Im Jahre 1856 wurden die ersten 18 Häuser erbaut. Die ersten drei fast gleichzeitig. Das Haus Lesmeister in der Johannesstrasse 32, das Haus Kiefer in der Johannesstrasse und das Haus Nikel Scheidt in der Rosenstrasse. Als älteste Haus gilt allgemein das Haus Lesmeister. Der Erbauer hieß Johann, Nikolaus, Georg, Ludwig John geb. 22.10.1839 , verheiratet mit Maria Bähr, geb. 12.03.1842. Er wanderte am 05.04.1873 mit seinen drei, alle in Herrensohr geborenen Kinder, nach Amerika aus.

Mit den von der Bergbehörde gewährten Bau - Darlehen, erhalten die Häuser auch ihren Namen: Prämienhäuser. Einzelne Exemplare dieses Häusertyps haben sich nahezu unverändert in der Johannesstrasse erhalten. Es waren kleine, einstöckige Bauten, oft nicht einmal vollständig unterkellert, in denen die vielköpfigen Familien Platz zu finden hatten. Ein Haus mit 6 Wohn - und 2 Kellerräumen kostete damals 4 000 bis 6 000 Mark. Trotz der starken Belegung der Häuser durch die großen Familien, waren die Eigentümer noch auf Vermietung (Kostgänger) angewiesen um die Schulden allmählich abzahlen zu können.25% der Häuser mußten wieder versteigert werden, da die Lasten der Rückzahlung nicht mehr geleistet werden konnten. In der ersten Zeit wurden jedem, der bauen wollte, sogar 500 Taler ohne Zinsen seitens der Bergbehörde und 300 Taler als Geschenk von der Knappschaftsverwaltung gegeben. Später wurden auch Darlehen zu 4 Prozent ausgegeben.

Die meisten Familien siedelten sich gemeinsam an. Deshalb heißt der nördliche Hügel auch « Hessenberg ».

1866 verteilte der Saarbrücker Knappschaftsverein kostenlos viele Obstbäume an die Siedler . Jeder erhielt 20 Stück als Geschenk, für die weiteren bezahlte er 2 ½ Groschen pro Stück. So ist es zu erklären, dass noch heute in vielen Gärten viele Obstbäume stehen.

Bald zählte man Zuwanderer aus über 130 anderen Orten, die sich hier in Herrensohr niederließen. Im Jahre 1880 lebten bereits über 1800 Einwohner in Herrensohr.1885 waren von 2171 Herrensohrer 1580 Bergleute mit Familie .37 Bergleute aus Herrensohr starben beim Grubenunglück 17.03. 1885 in Camphausen.

1885 wird von Herrensohr aus ein Bergmannspfad zur Grube Camphausen gebaut. Im Jahre1910 ist mit 4538 Einwohnern der Höchststand der Bevölkerungsentwicklung erlangt. Das waren damals über 20% der Einwohnerschaft Dudweilers. Zwischen den Gruben Dudweiler und Jägersfreude gelegen konnte sich die Bergmannskolonie rasch entwickeln.

Diese Notgemeinschaft, alles Arbeiter, von Dudweiler nicht immer gerne gesehen, bildete Zug um Zug eine starke Gemeinschaft. Vereine entstanden und das Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelte sich besonders .Bereits 1873 waren 35 Vereine aller Art bei der Verwaltung angemeldet. Darunter Gesangvereine, Sport und Unterhaltungsvereine sowie konfessionelle Vereinigungen. Noch heute ist die Vereinsgemeinschaft eine der wichtigen Säulen des Gemeindelebens.

Ab 1963 traten verstärkt Bergschäden in Herrensohr auf. Insbesondere in der Berg - und Eisenbahnstrasse mussten mehrere Häuser abgerissen werden. Gasrohre brachen und setzten die Bewohner in Angst. Der Bahndamm senkte sich und mußte mehrfach aufgefüllt werden. (bis 1972 um 15 Meter aufgefüllt)

Heute weitgehend integriert in die Dudweiler Gemeinschaft und zum großen Teil mit Ihr verschmolzen, führte und führt Herrensohr bis heute ein gewisses Eigenleben. Vielfach wird immer noch in eigenen Rahmen gedacht und gelebt. Herrensohr war seit seines Bestehens immer nur Kolonie, das Ansinnen der Bergverwaltung im Jahre 1858 die Kolonie zur selbständigen Gemeinde erklären zu lassen, lehnte der Dudweiler Gemeinderat ab. So wurde Herrensohr als Ortsteil der Gemeinde Dudweiler angeschlossen.

Der südwestliche Stadtteil von Dudweiler zwischen der Grühlingshöhe und dem Sulzbach gelegen wird im Volksmund als « KALTNAGGISCH » bezeichnet.

Herrensohr , richtigerweise Herresohr (kommt von Herrenjagd, war das Waldstück des Fürsten von Nassau, und Kaltnaggisch ,beide Namen in der Mitte des vergangenen Jahrhundert entstanden, werden auch heute noch gebraucht.

Herrensohr --- Herrenjagd hatte damals für die Einwohner keinen guten Klang, erinnerte dieser Name sie doch an fürstlich - nassauische Zeit. An das Gerassel der Wagen, das Hundegebell, das Schießen und Schreien der Leute, das Hörnerblasen besonders zur Abendzeit und in den frühen Morgenstunden. Man suchte spontan nach einem anderen Namen.

Eine Eingabe der Einwohner man solle doch ihren Ort etwa nach den anderen Walddistrikten benennen - Felsenborn oder Bärendick - wurde von der Behörde abgelehnt.

Der Name « KALTNAGGISCH » hat verschiedene Entstehungsursachen. Als die Leute mit der Bahn , an den abgeholzten Hügeln vorbeifuhren, sollen einige gerufen haben: « O, wie kahl und nackig! », ist das hier.

Andere deuten die Entstehung des Namens so: In Deutschland gibt es Ortschaften, die als Straßenbenennungen und Flurbezeichnnungen den Namen « Kahlnackig » führen. Sie benennen damit ganz besonders unfruchtbare Flurparzellen. Die Arbeiter , die aus solchen Ortschaften zugewandert waren, ganz einfach übertragen. « Der Louis wohnt in der Kahlnackig, wie bei uns daheim! »

Richtiger ist wohl folgende Deutung: Als das erste Haus auf dem abgeholzten nördlichen Hügel erbaut werden sollte, brachte der Erbauer seine Kameraden , einige Hessen, mit, die ihm helfen sollten, an Ort und Stelle die Steine zu graben. Die sollen damals ausgerufen haben : « O Louis , wie ist das hier so kahl, so nackig ».

Der Saarbrücker Heimatforscher Hermann Hild führt den Namen auf das keltische « GALNACK » zurück, was soviel wie steile Höhe oder Berghang bedeutet.

« KALTNAGGISCHER » sind heute stolz auf ihren Namen. « KALTNAGGISCH » steht heute auch für Zusammenhalt, Solidarität, Unterstützung und Gemeinsamkeiten. Gelebtes Miteinander wird im Stadtteil großgeschrieben.

Was vor fast 150 Jahren bittere Notwendigkeit zur Existenzsicherung war, wird heute weiterhin gepflegt. Die in Herrensohr geborenen Bürger sprechen mit einer Art Nationalstolz von ihren Geburtsort « KALTNAGGISCH ». Dieser Utzname, der früher - zumal auf Seiten der Dudweilerer als « KALTNAGGISCH - ARSCH PLACKIG » - nur allzu gerne geringschätzig verwendet wurde, ist heute so etwas wie ein Ehrentitel geworden. Denn weder kahl noch nackig ist der kleine Ort. Dorfnahe ausgedehnte Waldungen, zahlreiche Obstgärten und eine ansehnliche Bausubstanz prägen heute das Bild. Eine reizvolle und gepflegte Ortschaft ,eine in sich abgeschlossene und in gewisser Hinsicht selbständiger Ort, präsentiert sich dem Besucher. Etwas « buckelig » und verwinkelt, mit Häusern, die vorne eine und hinten drei Etagen haben, weil man sich mit den naturgegebenen Erhebungen arrangiert hat.

In voller Blüte steht außerdem das Vereinsleben. Gemeinsam haben 7 Vereine, ein in der Dorfmitte freistehendes Schaufenster angemietet und bieten Aktuelles vom Ort und anspruchsvolle Sonderausstellungen. Das Kaltnaggischer Dorffest mit Kirmes immer am zweiten Juniwochenende, vereinigt über 20 Vereine mit ihren Ständen und ist zwischenzeitlich weit über die Grenzen des Sulzbachtales hinaus zu einem überregionalen Event geworden. Profitorientierte Standbetreiber erhalten keine Zulassung.

Auch beim jährlichen Weihnachtsmarkt am ersten Advent sind gewerbliche Anbieter nicht zugelassen. Der Erlös fließt stets karitativen Einrichtungen zu. Bislang konnten rund 50.000 Euro an Spenden überwiesen werden. Prall gefüllt ist der Jahresterminkalender der « KALTNAGGISCHER ». Neujahrsempfang, Waldfest des Männerchores, Internationale Waldpilzeausstellung, Hobbyausstellungen, Mundart in und aus Kaltnaggisch, zahlreiche Sommerfeste, Beteiligung am Karnevalsumzug in Dudweiler mit einer starken Gruppe, große Seniorennachmittage und die eigene Stadtteilzeitung « Kaltnaggischer Nachrichten » sind nur einige der erfolgreichen Herrensohrer Gemeinschaftsleistungen, die die Attraktivität « KALTNAGGISCHS » auch heute belegen.

Dieter Hartwich

Quellenverzeichnis: