Ein Mann der Kirche

Der christliche Nazi-Gegner Hugolinus Dörr
Markus Hammerschmitt 27.01.2002
Quelle: link www.heise.de

Die posthum veredelten Widerständler vom 20. Juli 1944 sind bekannt. Die weiße Rose auch, Georg Elser und die Edelweißpiraten kennt man schon weniger. Hugolinus Dörr kennt so gut wie niemand.

Das Leben von Hugolinus Dörr wirkt heute so fremd auf uns wie sein Name. Ein gescheiterter Missionar? Ein kleines Rädchen gegen die großen Räder der Kirchenhierarchie? Ein christlicher Antifaschist? Ein deutscher Exilant der 1940 in einem französischen Internierungslager ermordet wird? - Teile einer Biografie, die sich bis heute einem schnellen Gesamtzugriff widersetzt.

I

Geburtsdatum: 24. Juli 1895. Geburtsort: Sellerbach, Saar. Diese Ecke des Saarlandes ist katholischer als Bayern, und in Familien wie seiner gehörte ein Kind der Kirche. Volksschule von 1901 bis 1908, dann Eintritt bei den Steyler Missionaren in St. Wendel (ein Ort, in dem heute noch Weihwasser aus der Leitung kommt). 1915 - 1918 Kriegsdienst. Priesterweihe: 1923. Schon 1921/22 wird ihm eine "Angstneurose" diagnostiziert: "Wohl habe ich Freude an der Seelsorge, doch halte ich es für besser, mich dem Lehrfach zuwenden zu sollen, weil ich von Natur aus sehr ängstlich und schlecht zu Fuß bin", schreibt er in einem Brief aus dieser Zeit. Zur Kur schickt ihn sein Orden 1923 nach China, dort soll er die Heiden bekehren. Nach einem Monat kommt er zurück, weil es ihm so schlecht geht.

II

Der Ärger fängt an, als sich Hugolinus in seinem Heimatdorf darauf verlegt, eine Art Dorfheiler zu werden. Er experimentiert, gegen den Rat seiner Vorgesetzten, mit Homöopathie und Irisdiagnose. Man munkelt, er helfe bei der Empfängnisverhütung. Er leiht sich Bücher, die Priester nicht lesen sollen, mit politischen und sexualkundlichen Themen (Hirschfeld, Rühle, Fuchs). Heute würde man das einen Heilpraktiker oder einen Schamanen nennen, je nach Belieben. Seine paramedizinische Karriere bringt einen örtlichen Arzt so in Rage, dass er ihn bei den Ordensoberen anschwärzt. Diese versuchen mit dem Hobby des Paters Schluss zu machen. Der erweist sich als widerspenstig, und der Konflikt zieht sich in die Länge. Kein Vergleich mit dem Aufruhr, den Dörr verursacht, als er sich in die Politik einmischt.

III

Denn das ist zweimal nicht die Aufgabe eines Priesters, schon gar nicht, wenn er seinen Oberen widerspricht. 1933, Hitler ist kaum sieben Monate an der Macht, und die Tinte unter dem Reichskonkordat ist kaum trocken, gründet Hugolinus Dörr mit anderen die "Saarländische Wirtschaftsvereinigung" (SWV), wirtschaftspolitisches Sprachrohr für die "Status Quo"-Bewegung, die sich die politische Autonomie des Saarlandes unter Obhut Frankreichs und des Völkerbunds zum Ziel gesetzt hat. Bis 1935 ist das Saarland ohnehin kein Teil des deutschen Reichs, und Pater Dörr setzt alles daran, dass das auch nach der für 1935 geplanten Volksabstimmung so bleibt. Er hat keine Berührungsängste gegenüber der Linken, die im Saarland den letzten Teil Deutschlands sieht, den sie dem Hitlerfaschismus noch nicht hat abtreten müssen. Schon Anfang 1934 wird das seinem Orden so peinlich, dass er ihm jede politische Tätigkeit untersagt.


Hugolinus Dörr (rechts im Bild) neben dem SPD-Vorsitzenden Max Braun am 26.8.1934 in Sulzbach

Dann der politische Supergau: Dörr spricht am 26. 8. 1934 in Soutane auf einer Versammlung der linken Einheitsfront in Sulzbach (60.000 Zuhörer), gleich nach dem Redner der KPD. Die Rede ist voll von den üblichen christlichen Mißverständnissen zum Faschismus: Dörr analysiert ihn als eine Häresie, die nur durch ein tapferes christliches Bekenntnis besiegt werden kann. Nichts könnte unwahrer sein, wie seine eigene Geschichte noch beweisen wird. Auch eine gewisse Gönnerhaftigkeit hört man heraus: "Seien wir aber auch ehrlich und gestehen wir, dass so manche gute ehrliche, derbe Arbeiterfaust zu einer kommunistischen wurde, weil sie von uns zu wenig herzlich gedrückt wurde."

Und dann sagt er: "Mit dem Hakenkreuz ist es wirklich so, wie dieser Tage jemand meinem Schwager sagte, um ihn einzuschüchtern. Nimm dich in acht vor dem Hakenkreuz, das ist deshalb so zackig und kreisförmig, weil es jeden zermalmt und vernichtet, der sich ihm entgegenstellt." Später bekräftigt er vor 600 Zuhörern im St. Ingberter Beckersaal diese Warnung. Der Nationalsozialismus "wolle alles ausrotten, was nicht arisch ist." Viele mögen das damals noch für Metaphern, für eine bloße Predigt gehalten haben. Dörr meint es bitter ernst.

Die Nazis führen vor seinem Haus Scheinhinrichtungen mit Strohpuppen durch, seine Kirche distanziert sich öffentlich von ihm. Der Trierer Bischof Franz Rudolf Bornewasser bezeichnet ihn in einem Brief vom 3. 11. 1934 an den Politiker Hermann von Lüninck als "geistig und moralisch defekt". (Ironischerweise hat dieser "geistig und moralisch defekte" Mann schon 1934 gegen das Regime gehandelt, das nach dem 20. Juli 1944 Hermann von Lüninck inhaftieren und Ferdinand von Lüninck hinrichten sollte). Dörr hat sich zwischen alle Stühle gesetzt. Als die Nazis die Saarabstimmung mit über 90 % Stimmenanteil gewinnen, wird das zur tödlichen Gefahr für ihn.

IV

Dörr flieht nach Frankreich, wird gar, nach einigen Quellen, Franzose. In den kirchlichen Strukturen wird er herumgereicht wie eine heiße Kartoffel: Sein Orden versucht ihn an die Diözese Nizza abzuschieben, aber dort will man ihn gar nicht haben. Als 1936 seine Mutter stirbt, wartet die Polizei im Heimatdorf auf ihn, diesmal noch vergebens. 1937 stürzt in Frankreich die linke Volksfrontregierung Blums, und sofort zieht sich die Schlinge um die Asylanten enger. 1939 wird Dörr, Franzose oder nicht, wie alle anderen Saarflüchtlinge interniert. Im Mai 1940 verschubt man ihn in das Lager Fort Asnières an der französisch-spanischen Grenze, und als am 6. 6. 1940 deutsche Truppen Asnières besetzen, kommt er ums Leben. Augenzeugen wollen gesehen haben, dass er vom französischen Wachpersonal ermordet worden sei. Dieses habe bei der Ankunft der deutschen Besatzer "die Internierten angewiesen, dass niemand den Saal verlassen dürfe, auch nicht, um die Notdurft zu verrichten. Dörr habe daraufhin aus Protest in eine Blechdose uriniert, worauf ihn die Mitglieder des Wachpersonals zusammengeschlagen, in einen Sack gesteckt und aus dem Fenster des Forts in den Fluss geworfen hätten." Andere hielten die Gestapo für schuldig.

Während Gestalten wie Alojzije Stepinac und Josemaria Escriva vom amtierenden Papst "heiliggesprochen" werden, (vgl. Kroatische Zustände) bleibt Hugolinus Dörr von solchen Weihen verschont. Das ist logisch und auch richtig, denn man wünscht ihm diese Gesellschaft nicht. Seine historische Bedeutung liegt in zweierlei. Einmal in seinem fast unglaublichen Mut, es sich gleichzeitig mit seiner Kirche und den Nazis zu verderben. Zum zweiten in seiner glasklaren Sicht auf die Vernichtungsziele des Nationalsozialismus. Er verdient es, nicht vergessen zu werden.Quellen:

Das Ohr des Malchus, Gustav Regler, Kiepenheuer & Witsch 1958, S. 300

Zur Geschichte der Pfarrei Herz Jesu Köllerbach (vormals St. Martin zu Kölln im Köllertal), Hans Joachim Kühn u. Robert Baltes, Püttlingen-Köllerbach 1999, S. 211 - 218

Hugolin Dörr - Steyler Missionar in schwieriger Zeit, Gerd Lesch in: 100 Jahre Missionshaus St. Wendel, Werner Prawdzik (Hrsg.), Steyler Verlag 2000, Bd. 2, S. 312 - 331

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